Integrationsdebatten

Angenommen es ist ein ganz normaler Samstagnachmittag. Das Wetter ist freundlich und Ihr schlendert gerade durch die Einkaufsstraße euerer Stadt. Ihr sei natürlich nicht allein, es sind noch einige andere Menschen darauf gekommen, diesen Tag auf ähnliche Art und Weise nutzen zu wollen. Wie vielen gedeutschten Türken begegnet Ihr wohl geschätzt?

Antwort: In undefinierbarer Anzahl! Gedeutschte Türken verschwinden meist chamälionartig in der Menge. Sie kleiden sich nicht anders, sie bewegen sich nicht anders, sie sprechen nicht anders und benehmen sich auch nicht anders. Sobald aber der Ur-Deutsche bemerkt, das sein Gegenüber einen türkischen Migrationshintergrund hat, wird dieser gleich völlig anders behandelt. Aus dem nichts ist die eigene Abstammung plötzlich ein Gesprächsthema, über dass der Ur-Deutsche meint mit einem diskutieren zu müssen. Man (oder Frau) kann manchen was man will, man ist ab jetzt der Türke!

Eigenartig, wie viele Leute ernsthaft glauben, Integrationsdebatten mit mir (und auch anderen gedeutschten Türken) führen zu müssen…“Integrationsdebatte“ ist im Übrigen das Stichwort: Denn die Tatsache dass es offensichtlich ein Bedürfnis gibt, mit Jemandem, der sein ganzes Leben in Deutschland verbracht haben, derartige Diskussionen zu führen, bedeutet für mich chamälionartigen gedeutschten Türken, dass ich unterm Strich nicht integriert bin!

In Fall des gedeutschten Türken können wir also bestenfalls von einer Assimilation reden, denn die Gesellschaft in die ich mich gerne integrieren will, betrachtet mich als Aussenseiter – egal was ich tue. Ich kann noch so gut Deutsch sprechen, einen guten Job machen, weltoffen sein und einen deutschen Personalausweis mit mir rumtragen, ich bin, im Bewusstsein der Gesellschaft, immer der Türke. Ein etwas „besserer“, denn ich „strenge mich ja an mich anzupassen“, aber mir wird immer der Exotenstatus oder der Makel des Andersseins aufgedrückt.

Warum eigentlich?

Interessant ist auch, was es aus einem macht, wenn man immer wieder mit „Integrationsdeatten“ konfrontiert wird. Man bekommt z.B. das Gefühl in Schule, Uni und Job wesentlich mehr Leistung bringen zu müssen als der Ur-Deutsche Schreibtischnachbar. Man wird immer wieder nach der „Familie im Heimatland“ gefragt – nur zur Info: Meine Familie lebt hier. Beliebt sind auch die Themen: Kopftuch, Schweinefleisch und Alkohol… Ur-Deutsche scheinen ein tiefes, ungestilltes Verlangen nach Antworten zu haben, den der „Ach so Fremde und mysteriösen Türke/in der gar nicht so aussieht wie einer und einen Lebensstil pflegt der so anders ist als die Vorstellung vom Islam und 1001 Nacht“ wirft ja so viele Fragen auf 😉

Beschweren liegt mir fern – nach 50 Jahren haben die meisten von uns ja einen Weg gefunden mit dieser Situation zurechtzukommen. Dennoch wäre es schön wenn, nach über 50 Jahren und in der dritten oder vierten Generation angekommen, wenn die Identität als gedeutschter Türke von der breiten Masse nicht als Ausnahme sondern als Normalzustand betrachtet werden würde. Integration ist in diesem Fall für mich, wenn über meine Herkunft nicht mehr diskutiert werden muss – aber ich fürchte bis dahin wird es noch ein weiter Weg sein.

Darum an alle Ur-Deutsche und Gedeutschte Türken da draußen:  Es ist selbstverständlich, sich an die kulturellen Werte des Landes in dem man lebt anzupassen. Es ist genauso selbstverständlich, seine Wurzeln nicht vergessen zu wollen und darum zu pflegen. Aber es ist nicht selbstverständlich, dass einem ständig Integrationsdebatten aufgedrängt werden – dadurch wird das Gefühl des „Ausgegrenzt seins“ nur gefördert.

 

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Der Gipfel des Eisbergs

Heute werde ich politisch, denn geschätzte 10.000 Menschen stehen vor der syrisch-türkischen Grenze in der Nähe von Kilis und werden nicht ins Land gelassen. Das Militär lässt nur Kranke und Verletzte in das sichere Nachbarland. Alle anderen, die  den Großteil ihres Hab und Gutes in Aleppo zurücklassen mussten – welches derzeit vom Assad Regime mit russischer Unterstützung den Erdboden gleich gebombt wird – müssen draußen bleiben.

10.000 sind ein Schätzwert. Tausende Familien ziehen ihre Pfade, von den militärischen Brandherden in Richtung des sicheren Hafens der sich Türkei nennt. Aber ist es überhaupt gerecht hier von einem sicheren Hafen zu sprechen? Wenn man gezwungen wird mit Kind und Kegel vor den Grenzkontrollen auszuharren? Der Winter in dieser Region ist nicht viel freundlicher als der europäische Winter – und dass in Zelten. Ohne ausreichende Hygiene, sanitäre Anlagen und medizinische Versorgung. Mit Assads Truppen im Nacken die jeden Tag näher kommen. Auf der Balkanroute sieht es nicht viel besser aus als hier!

Die Regierung hat behauptet die Menschen aufnehmen zu wollen – aber anstatt den Worten Taten folgen zu lassen, werden sowohl die Flüchtlinge als auch Europa mit diesem Zugeständnis in die Warteschleife versetzt. Es fällt den Verantwortlichen offenbar leicht auszublenden, dass die Flüchtlinge immer noch Menschen sind, deren Rechte hier mit Füßen getreten werden.

Ca. 2,5 Millionen Menschen sind bereits in die Türkei geflohen, von denen mittlerweile über ein Drittel den Weg nach Westeuropa suchen. Im Angesicht solcher Zahlen sollte man meinen das 10.000 nicht mehr wirklich ins Gewicht fallen…aber sie tun es doch – und zwar als politisches Druckmittel der Türkei gegenüber der Welt, in einem perfiden, doppelmoralischen Spiel.

Es geht nicht nur um einen geregelten Zustrom der Vertriebenen.  Es geht um Geld und wirtschaftliche Interessen. Und es geht um Probleme mit denen die Türkei zusätzlich zu Kämpfen hat: Es geht um die Kosten die durch die Versorgung und Integration all dieser Menschen entstehen und bereits entstanden sind. Seit den Abschuss des russischen Fliegers ist das Verhältnis zu einem der wichtigsten Handels- und Tourismus des Landes schwer gestört. Je weiter man in den Osten des Landes geht, desto bürgerkriegsähnlicher werden die Zustände. Hier ist der ehemalige verbündete Namens IS mittlerweile zum Feind geworden. Dank der Unruhen im Land werden dieses Jahr wohl auch die Touristen aus Europa fern bleiben. Der Bürgerkrieg in Syrien droht zu einem internationalen Krieg vor der eigenen Haustür zu werden…und  hinzu kommen all diese Menschen, die eine neue Heimat suchen und dabei der eingesessenen Bevölkerung eine Heidenangst vor Überfremdung eintreiben. In letzterer Hinsicht ist die Türkei keineswegs besser als Deutschland 😉

Mit anderen Worten: Es kündigt sich eine Krise an auf allen Ebenen an, die einen Staat ausmachen. Ja! 10.000 Menschen sind im Angesicht dessen wirklich nur der Gipfel des Eisberges an innen- und außenpolitischen Problemen. Aber die Rechte von 10.000 und mehr Menschen, auf der Suche nach Schutz und Hilfe, einfach zu ignorieren, weil man weder weiß wie man mit den eigenen Problemen fertig werden soll, es sich mit niemandem verscherzen will und auch zu stolz ist sich die eigenen Probleme einzugestehen, ist ein ganz eigenes Verbrechen – und in dieser Hinsicht auch leider nicht das erste!

Internationale Einigkeit und Unterstützung wäre hier angebracht. Aber ein Bürgerkrieg ist nun mal kein Naturkatastrophe epischen Ausmaßes – sonst wären sich die Länder Europas längst einig, wie der Konflikt zu handhaben sei. Dann könnte man auch mit gemeinsam mit der Türkei (und sogar gemeinsam mit Russland) eine Lösung finden. Bei einem Erdbeben der Stärke 8,xxx aufwärts in Hintertupfigstan, werden sofort alle Nothilfsprogramme aus der Schublade gezogen. Wenn über 5 Millionen Menschen gezwungen werden ihre von Krieg zerfressene Heimat zu verlassen, muss man erst mal lang und breit darüber disskutieren, was getan werden könnte…wenn diese Menschen dann „völlig überraschend“ vor der eigenen Haustür stehen, dann werden sie ihrerseits behandelt wie eine unerwartete Naturkatastrophe.

Wiesooft müssen das ganze diejenigen ausbaden, die Unschuldig an der Situation sind. Ich beobachte die ganze Situation zwar hier von meinem sicheren Hafen aus, aber ich fürchte diese Sache wird nicht gut ausgehen…

 

 

Sucuk zum Frühstück

„Sag mir was du isst, ich sage dir wer du bist“. Bis zu einem gewissen Grad lag Jean Anthelme Brillat-Savarin damit richtig. Allerdings bezog er sich mit diesen Satz eher auf die sozialen Unterschiede zwischen den Essern als auf die kulturellen. Heute interpretieren wir diesen Satz nur zu gerne anders herum. Dass erzeugt natürlich so manche Klischeeblüte 😉

Ignorieren wir mal ganz offensichtliche Stolperfallen wie: „Japaner essen täglich  Sushi“ oder „Engländer kochen ihr Wildschein in Pfefferminzsoße“, und widmen uns etwas harmloseren: Ich lebe in Deutschland. Was ich im Supermarkt im meinen Einkaufswagen lege unterscheidet sich folglich lediglich nach meinem persönlichem Gusto von dem, womit mein Nachbar seinen Kühlschrank füllt. Dennoch führt die Tatsache meiner Herkunft, aus mir unbegreiflichen Gründen, zu Annahmen, deren Herkunft mir ein Rästel ist:

So wird nach einem Grillabend in größerer Runde (und es ist egal wie groß die Runde ist oder wie sie sich zusammensetzt, einer tut es immer) gerne angenommen, dass ich jeden Tag „Sucuk“ zum Frühstück auf dem Tisch hätte. Zum Abendessen wird mir gerne Döner oder irgendwas anderes angedichtet, dass man gewöhnlich in einer Dönerbude findet – wenn ich dann mal tatsächlich Lust darauf entwickele und einen Besuch beim nächsten Imbiss vorschlage, fallen gleich Sätze wie „Ja, kannst ja nicht einen Tag ohne xyz Leben“ oder „Sag mal wo’s den den Besten gibt. Das weisst DU doch bestimmt“.

Solche Sätze fühlen sich als gedeutschter Türke so seltsam an, als wäre man als Deutscher in Deutschland – und zwar nicht das in Europa, sondern das Deutschland in Disney World Florida. Das Deutschland, dass ein ewiges Oktoberfest ist und nur in den Kopfen all derer existiert, die dieses Land nur durch einen einmaligen Besuch eines (wie könnte es auch anders sein) Oktoberfestes kennen.

Ja, Leute! Es ist genau so, wir Ihr euch meinen Alltag vorstellt! Ich esse jeden Morgen zum Frühstück Sucuk, genau so wie mein bester Freund morgends sein Maas Bier und eine ordentliche Portion Sauerkraut braucht, um in die Gänge zu kommen!

Mein ganzes Leben lang schon staune ich darüber, dass die Leute offenbar glauben ich hätte das äquivalent einer Imbissbude in meiner Küche stehen und dass bei mir Zuhause in jede Mahlzeit mindestens eine Knolle Knoblauch das zeitliche segnet. Denn:

„Türken kochen ja immer sooo viel mit Knoblauch…“

Wirklich? Also ich zumindest nicht, denn ich kann das Zeug a) nicht ausstehen, und b) vertrage es eh nicht so gut. Interessanterweise ist aber ein Großteil meines urdeutschen Freundeskreises von der Knolle hemmungslos begeistert – Tja, verkehrte Welt ;-P

 

Sprachbarrieren

Manchmal steht sich gedeutschte Türken wahrlich selbst im Wege.  In solchen Fällen darf man sich nicht wundern, wenn einen das Gegenüber nicht versteht, auch wenn man sich in zwei bis fünf Sprachen zu verständigen weiß 😉

Dummerweiße mutiert in einzelnen Fällen leider die Sprachenvielfalt zum babylonischen Wirrwarr. Ich denke jeder, der in irgendeiner Form zweisprachig aufgewachsen ist, wird an dieser Stelle zustimmend nicken.  Als gedeutschter Türke (wahlweise auch Engländer, Franzose, Pole, Russe, Iraner ect) ist man es, v. a. im familiären Bereich gewohnt eben einfach „verstanden“ zu werden, egal welche Sprache man gerade spricht. Da kommt es dann, für ungewohnte Ohren zu teilweise bizzaren Satzkonstruktionen, in denen man deutsche, türkische, englische und französische (ect. je nach erlernten Sprachen ließe sich diese Liste endlos forsetzen) Wörter gleichzeitig in einem Satz findet – und ja, dass ist Umgangssprache. In den allermeisten Fällen denken gedeutschte Türken nicht darüber nach in welcher Sprache sie sprechen. Sie passen sich meist dem Umfeld an und greifen dann, ohne groß über Bedeutungen nachzudenken auf die Vokabel zurück, die im Bewusstsein gerade am präsentesten ist.

Was vielen als Vorteil erscheint, wird zu echten Nachteil, wenn man sich eine Zeitlang eingehend und ausführlich auf türkisch Unterhalten hat und dann plötzlich das Telefon klingelt. Man geht ran, und versteht naturgemäß dem unbekannten „Menschen auf der anderen Seite der Leitung“ – die Sprache ist natürlich kein Problem…zumindest nicht für einen selbser.

„Der Mensch auf der anderen Seite der Leitung“ erscheint einem seltsam verwirrt und ringt um Worte. Und weil wir nach zwei Minuten immer noch nicht wissen warum uns ein/e Unbekannte/r anruft, fragt man immerzu nach worum es denn nun endlich geht. Er/Sie versucht uns auf umständlichste Weise etwas zu erklären – wir begreifen immer noch nicht und fragen uns was in Gottes Namen mit dem „Menschen auf der anderen Seite der Leitung“ eigentlich los ist, bis ein verzweifeltes:

„Oje, wie mache ich mich Ihnen nur verständlich…?“

uns offenbart, dass nicht „der Mensch auf der anderen Seite der Leitung“ irgendwie komisch drauf ist, sondern einen schlicht nicht verstanden hat.

In diesem Moment hört man meist ein leises, imaginäres Klirren, als würde man den Kasten mit dem Feueralarm aufbrechen. Es funktioniert! Der Sprachenschalter legt sich um, wir sprechen wieder deutsch…und befinden uns in der peinlichen Lage, dem „Menschen auf der anderen Seite der Leitung“ zu erklären, was in Gottes Namen eigentlich mit UNS los war.

Tipps zu Vermeidung? Üben, Üben, Üben und trotzdem passiert es immer mal wieder – auch mir.  Heilung des babylonischen Wirrwarrs bei mehrsprachig Aufgewachsenen? Unwahrscheinlich. Wir können nur die Symptome lindern. Mit ein paar Dingen muss man als gedeutschter Türke eben leben 😉

An dieser Stelle einen höflichen Dank und ein herzliches Entschuldigung an alle „Menschen auf der anderen Seite der Leitung“ die schon einmal das Vergnügen hatten mit mir zu telefonieren 🙂

 

 

 

Moustache muss sein

ER ist überall wo sich nicht-gedeutschte Türken mittleren Alters befinden. Ja, es ist allgemein bekannt das ER dass liebste Accessoire aller Türken ist. ER ist wie ein internationales Erkennungsmerkmal mittelalter Männer türkischer Herkunft rund um den Globus, und für alle Menschen nichttürkischer Herkunft in Sichtweite ein deutlicher Warnhinweis, dass man es hier mit einem Patriarchen zu tum hat, mit dem man sich tunlichst besser nicht anlegt wenn man den Rest seiner Tage friedlich verleben will. Ein Türke ist erst ein vollwertiger Mann, wenn er IHN sein eigen nennen kann: Einen dichten, buschigenSchnauzbart!

Gut, zugegeben! Das ist jetzt etwas übertrieben. Der dichte und buschige Schnauzer ziert immerhin auch die Oberlippen zahlreicher Männer mittleren Alters aus dem nahen und mittlerem Osten und auf dem Subkontinent Indien. Aber hier in Deutschland und Europa ist er weitestgehend ausgestorben…wenn man mal von ein paar Exemplaren in freier Wildbahn in den südeuropäischen Ländern mal absieht. Aber hier, im Mittel- und Nordwesten der europäischen Union, da ist ER ausgestorben. Und die paar Migranten die IHN weiterhin tragen, die werden IHN auch bald ablegen – natürliche Auslese. Kein Grund zur Beunruhigung.

Aber seit einigen Jahren gehen seltsame Dinge vor sich. Plötzlich ist ER überall. Irgendwie scheint der Schnauzbart, wieder aller Erwartungen, eine Möglichkeit gefunden zu haben sich fortzupflanzen. Heute Morgen erst, stand einer hinter mir in der Schlange beim Bäcker um die Ecke, gestern erst wurden einige von IHNEN in einem Einkaufzentrum in Köln gesichtet, letzten Freitag hat man in einer Studentenkneipe in Bielefeld sogar ein ganzes Rudel entdeckt. SIE waren friedlich mit den Bierspezialitäten des Hauses beschäftigt, und unterhielten sich angeregt über Weltpolitik.

Es ist verwirrend. Plötzlich siedeln sich Schnauzer in den Geschichtern unschuldiger junger Männer an, die eindeutig NICHT südländisch aussehen. Meist treten SIE gemeinsam mit Vollbärten auf, wodurch der Ernst der Lage nur noch offensichtlicher wird. Dass ist bestimmt der schlechte Einfluss all dieser nicht-gedeutschten Türken und der nicht-gedeutschten Flüchtlinge aus den letzten Jahren, die nicht wissen, dass Bärte aktiv bekämpft werden müssen. Und die ganzen Models mit Bart in der Werbung sind auch schuld – denn die sind es, die anständige junge Männer in den Schnauzer/Vollbartwahn treiben. Als nächstes schließen sie sich vielleicht noch den Salafisten an – da ist der nächste Schritt in Richtung Terrorismus nicht mehr weit!

Dagegen müssen wir unbedingt etwas tun! Ohne Sondergenehmigung darf keiner von IHNEN im Land sprießen. Und wir brauchen dringend europäische Grenzkontrollen und Obergrenzen um die unkontrollierte Einwanderung dieser dichten und buschigen Accessoires zur verhindern. Aber an wichtigsten ist herauszubekommen, wie wir die anständigen jungen Männer von den eingewanderten Haarmonstern unterscheiden können!

Wir müssen unsere deutschen und europäischen Werte unbedingt gegen alle Träger von Schnauzern und Vollbärten verteidigen! Ich gehe mit gutem Beispiel voran und  kaufe mir jetzt einen Rasierer um damit Morgen früh meinem haarigen, noch-nicht-gedeutschten Nachbarn im Hausflur aufzulauern – bleibt zu hoffen, dass er sich seinen Schnauzer nicht zwischenzeitlich selbst abrasiert hat, dass könnte mir mein Weltbild zerstören 😛

 

 

Sie haben ja gar keinen Akzent…?!

Eine kleine Anekdote aus meinem Alltag:

Es fing ganz normal und völlig harmlos an. Ich nutze die Servicehotline eines  Unternehmens weil es ein an einem Produkt was zu mäkeln gibt – denn, zu diesem Zweck gibt es diesen Service ja. Ich bin höflich und übe konstruktive Kritik. Weise auf Probleme hin die so nicht entstehen sollten. Gebe sogar wissenschaftlich fundierte Hinweise zur Entstehung des Problems, nach dem Motto: Wenn es mir passiert, gibt es bestimmt noch andere, die aber nicht anrufen um das Problem mitzuteilen. Ich schimpfe nicht, und lasse auch meinen Frust nicht am Telefon aus. Dass bringt eh nichts und der Mensch auf der anderen Seite der Leitung kann ja nichts für den Produktfehler.

Der Mensch auf der anderen Seite der Leitung freut sich über einen Anrufer meiner Art. Ich bin ganz offensichtlich eine willkomme Abwechslung verglichen mit den „angepisst Schreienden, die sonst so jeden Tag anrufen“. Man unterhält sich freundlich, und weil ich so ein angenehmer Anrufer bring das Wesen von Kundenservice mein Anliegen in Gang, während wir noch an Telefon reden.

Benötigt werden Name und Adresse. Ich nenne beides, die Adresse ist klar…aber mein Name…“Könnten Sie den bitte wiederholen?“. Klar, tu‘ ich gerne, ich buchstabiere ihn sogar – schließlich fiel das Zauberwort. Es folgt das unausweichliche: „Dass klingt ja exotisch…“. Und soweit ist noch alles gut, nur leider hat der Mensch von der Hotline durch unser freundliches und zwangloses Gespräch offenbar vertrauen zu mir gefasst, und so folgt unweigerlich die (ja, wirklich aufrichtige 😉 ) Frage:

„…woher kommt den Ihr Name…?!“

Ich sehe die nächsten Worte mit einer unbändigen Naturgewalt auf mich zurasen – unausweichlich, wie eine Tsunami oder ein Nashorn, dass (m)ein Feuer entdeckt hat. Für den Bruchteil einer Sekunde überlege ich zu lügen…Aber! Ich bin ja ein netter Mensch und meist bestrebt die Unwissenheit aus der Welt zu schaffen. Folglich decke ich mit der Anwort meinen Migrationshintergrund auf. Während ich spreche berührt vor meinem geistigen Auge das Kinn eines mir unbekannten Gesichtes den Boden. Begleitet von dem charmant naivem Satz:

„WAAAAS!!!…Aber Sie haben ja gar keinen Akzent!“

„Ja, da haben Sie recht! Ich spreche erfahrungsgemäß sogar besser Deutsch als so mancher urdeutscher Muttersprachler.“ Und es gibt in diesem Land bestimmt genug gedeutschte Türken, bei denen es genauso ist 😉 . Ich könnte mich jetzt darüber aufregen, aber meine Genungtuung sei, dass ich heute mal wieder, ohne große Anstrengung, das Welbild eines Menschen zerstört habe.

Die Klugen beißen sich an dieser Stelle auf die Zunge. Die  Unbedarften reden weiter wie „unglaublich“ dass sei (wirklich?), „und Deutsch lernen ist ja sooo schwierig“ (nicht wirklich wenn man zweisprachig augewachsen ist),“…aber Sie haben es bestimmt leicht Sprachen zu lernen…“(nicht mehr oder weniger als andere) und überhaupt ist dass „ja nun wirklich sehr ungewöhnlich, dass ein/e Türke/in so gut deutsch spricht…“ – und so einfach wird man in diesem Land zum Ausländer. Der besitzt eines deutschen Personalausweises zählt offenbar nicht, ob man Deutsch ist oder nicht entscheidet nach dieser Definition allein der Vor- und/oder Nachname.

Ich weiß, ich hätte auch einfach einen ähnlich klingenden deutschen oder englischen Namen nennen können. Pech nur für alle anderen da draußen, dass ich zu meiner doppelkulturellen Identität stehe!  Weil ich heute einen guten Tag habe, lasse ich es an dieser Stelle gut sein – hätte ich einen bösen Tag gehabt hätte ich das Telfonat mit „Ja Alde/Alder, dass isch voll krass. Aber jetzt isch muss los und Kippen kaufen – und Ey, wenn Sache bis morgen net erledigt isch komm zu dir mit meine Brüder und mach dir (Drohung der Wahl bitte hier einfügen)…Tamam!“ beendet >:-)

In letzter Anmerkung: Ereignisse dieser Art finden nicht nur am Telefon statt, sondern auch gerne mal in Kaufhäusern, Supermärken, Behörden, wenn jemand nach dem Weg fragt, ect. Dass es Zeugen gibt scheint dabei niemanden zu stören.

Wie war Ihr Name…?

Namen sind Schall und Rauch…und dennoch ist es als würden wir mit unserem Namen wie mit einem Stempel  auf der Stirn herumlaufen, der uns als (beliebige Nationalität einfügen) kennzeichnet.“Normale“ Deutsche heißen demnach Benjamin, Sebastian, Michael, Anna, Nicole und Simone, so wie „normale“ Briten William, James und Elisabeth, „normale“ Franzosen Louis und Jacqueline und „normale“ US-Amerikaner Brad und Jane heißen.

Analog dazu heißt der „normale“ Türke meist Mehmet, Ali oder Hasan und die „Türkin“ gerne  Ayse oder Fatma. Ok, in letzter Zeit sind ein paar Namen dazu gekommen. zum Beispiel Mesut (dem Fußball sei dank), Cem (unfassbar, ein Politiker 😉 ) oder Gülcan (nach der bekannten Moderatorin).  Und da Menschen, völlig unabhängig von ihrem Bildungsstand, in solchen Dingen gerne einfach gestrickt sind, ist für die meisten „Urdeutschen“ ganz offenbar die Welt in Ordnung, solange der gedeutschte Türke namentlich als solcher erkennbar ist…

Dumm nur, dass es auch in Deutschland mehr als genug TürkInnen gibt, die eben nicht von Ihren Eltern mit „normalen“ Namen ausgestattet wurden. Die heißen dann exemplarisch gerne mal Fahri, Tuba ect oder tragen gemeinerweise einen Namen wie Deniz, welcher fast Deutsch klingt…dann, werden die Träger jener fremdländisch klingenden Namen in Deutschland wird öfter mal Zeuge göttlicher Anblicke. Menschen mit altdeutschen, englischen oder französischen Vornamen gehen scheinbar gerade noch als „ok, ist genehmigt“ durch. Aber wehe der eigene Vor- und/oder Nachname klingen exotisch, und dass OBWOHL man weder fremdartigen Akzent aufweist, noch aussieht wie der Klischee-Ausländer, denn damit sprengt man im unbedarften Umgang mit seiner Umwelt die unsichtbaren Mauern im Bewusstsein seiner Gesprächspartner 😉

Die Frage, die ich, wenn ich mich vorstelle, am häufigsten gestellt bekomme ist wohl: „Wie war Ihr Name?“. Beliebte Varianten sind: „Wie?“, „Das klingt ja komisch/seltsam…?“, „Oh, wie (hier ähnlich klingenden Prominamen einfügen)…?“ oder einfach nur „HÄÄÄÄÄH???“.

Würde ich jedesmal einen Euro bekommen wenn mir eine dieser Fragen gestellt wird, müsste ich nie wieder arbeiten! Positiv daran ist, dass das Gegenüber einen nie wieder vergessen wird – denn an fällt ja völlig aus dem Rahmen dessen was der „Normalzustand“ ist. Negativ daran ist: Kaum dass unser Gegenüber weiß, woher unsere Eltern stammen, bricht die Flutwelle der ganzen Klischees über den „türkischen Migrationshintergrund“ über einen ein.

Wer Pech hat, für den bedeutet es Probleme. An einem Namen können hierzulande nämlich (auch wenn es gerne dementiert wird) immer noch Karrieren scheitern, z.B.: Mehmet und Gülen haben es nach dem Schulabschluss zum wesentlich schwerer im Anschluss eine Ausbildung zu finden als Sebastian und Charlotte. Im schlimmsten Falle, fällt man dem gleichen Prinzip zum Opfer wie ein deutsches Kind mit dem Namen Kevin oder Chantal .

Aber! Da man gedeutschten Türken ihre Herkunft nicht ansieht (kurz, man ist ein „guter Türke“), wird man eher für kleines Sprachengenie gehalten, dass sich „vorbildlich integriert hat, auch wenn“- und Achtung, es folgt nun ein Real-Life-Zitat –

„…Sie ja doch noch nicht ganz in Deutschland angekommen sind…“

Vor dem Hintergrund in Deutschland aufgewachsen zu sein und auch die entsprechende Staatsbügerschaft zu besitzen, hat dieser Satz einen schaalen beigeschmackt, denn: Was bedeutet in diesem Kontext eigentlich „angekommen sein“?

Namen sind eben nicht nur Schall und Rauch. Und gerade nach solchen Begegnungen ziehe ich vor der Naivität und Scheuklappenmentalität, aller meiner Mitbürger ohne Migrationshintergrund den Hut. Denn Leute die solche, durchaus beleidigenden, Dinge einfach so von sich geben, ohne darüber nachzudenken welchen Schaden sie damit evtl. auch für nachfolgende Generationen anrichten, haben ganz offensichtlich keine Probleme und fühlen sich meist – unglaublich aber wahr – sogar im recht.

Es ist schade, dass es nicht möglich ist Menschen, die offenbar nicht weiter denken als bis zu ihrer Nasenspitze, diesbezüglich gründlich den Kopf zu waschen. Aber, wir können wenigstens dafür solche Menschen die Gelegenheit geben Ihre Kommentare nochmal zu überdenken, indem wir sie darauf hinweisen, dass z.B. „Hans-Jürgen“ für swahilische Ohren wie ein kleiner Scherz klingt 😉 Alternativ können wir uns den Spaß geben und den Klugscheißermodus einschalten, indem wir anmerken dass die korrekte Höflichkeitsform „Wie ist ihr Name?“ oder „Verzeihung, ich habe Sie nicht verstanden!“ lautet. Denn gerade für uns Menschen mit Migrationshintergrund macht nichts mehr Spaß, als jemandem, der es vermeintlich besser Wissen müsste, da es/sie ja Muttersprachler ist, seine eigene Spraache zu erklären 😉

Eine weitere schöne Variante des hier behandelten Ereignisses ist die Frage:“ Woher kommt denn dein/Ihr Name?“ Allerdings folgen der gerne andere Gesprächsminen, über die ich lieber ein andermal schreiben will.

Der obige Arikel ist eine exemplarische Zusammenfassung meiner eigenen Erlebnisse. Darum würde ich mich abschließend freuen, wenn Ihr eurere Erlebnisse zu diesen Thema, egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund, mit mir und/oder der Welt teilen wollt 🙂

Ich bin ein gedeutschter Türke

Klar, ich habe Großetern und Eltern die im Zuge der Anwerbung von Arbeitskräften in den 60er und 70er Jahren nach Deutschland kamen. In soweit Stimmt dass mit meiner türkischen Herkunft…nur leider hören in meinem Fall die Klischees hiermit auf.

Ich bin ein Kind der dritten Generation, was bedeutet dass ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin. Ich sehe mich selbst nicht als besonders türkisch. Dank meiner Herkunft habe ich lediglich Zugang zu einer kulturellen Welt, die den meisten Deutschen ausgesprochen fremd und seltsam erscheint. Ich praktiziere die Religion in die ich hineingeboren wurde ebenso wenig wie die meisten Deutschen. Und die Türkei selbst, ist für mich ein Land, dass ich (im Gegensatz zu vielen anderen die so sind wie ich) nicht einmal aus dem Urlaub kenne, dessen Sprache ich aber verstehe und spreche.

Ich habe ein deusches Abitur in der Tasche, habe die deutsche Staatsbürgerschaft mit der ich gewissenhaft an jeder Wahl teilnimme und lebe, wie viele andere Deutsche auch, in „wilder Ehe“.

Dennoch werde ich hier in Deutschland von vielen „Ur-Deutschen“ als Türke wahrgenommen, sobald ich meine, in meinem Fall eben nicht offensichtliche, Herkunft aufdecke. Dem folgt gewöhnlich eine nicht endend wollende Tirade von teilweise endlos naiven Fragen oder überraschten ausrufen, die ich endlich mal kommentiert wiedergeben möchte.

Ich wünsche euch viel Spaß beim lesen (und eventuell auch ein paar erhellende Momente 😉 )