Sie haben ja gar keinen Akzent…?!

Eine kleine Anekdote aus meinem Alltag:

Es fing ganz normal und völlig harmlos an. Ich nutze die Servicehotline eines  Unternehmens weil es ein an einem Produkt was zu mäkeln gibt – denn, zu diesem Zweck gibt es diesen Service ja. Ich bin höflich und übe konstruktive Kritik. Weise auf Probleme hin die so nicht entstehen sollten. Gebe sogar wissenschaftlich fundierte Hinweise zur Entstehung des Problems, nach dem Motto: Wenn es mir passiert, gibt es bestimmt noch andere, die aber nicht anrufen um das Problem mitzuteilen. Ich schimpfe nicht, und lasse auch meinen Frust nicht am Telefon aus. Dass bringt eh nichts und der Mensch auf der anderen Seite der Leitung kann ja nichts für den Produktfehler.

Der Mensch auf der anderen Seite der Leitung freut sich über einen Anrufer meiner Art. Ich bin ganz offensichtlich eine willkomme Abwechslung verglichen mit den „angepisst Schreienden, die sonst so jeden Tag anrufen“. Man unterhält sich freundlich, und weil ich so ein angenehmer Anrufer bring das Wesen von Kundenservice mein Anliegen in Gang, während wir noch an Telefon reden.

Benötigt werden Name und Adresse. Ich nenne beides, die Adresse ist klar…aber mein Name…“Könnten Sie den bitte wiederholen?“. Klar, tu‘ ich gerne, ich buchstabiere ihn sogar – schließlich fiel das Zauberwort. Es folgt das unausweichliche: „Dass klingt ja exotisch…“. Und soweit ist noch alles gut, nur leider hat der Mensch von der Hotline durch unser freundliches und zwangloses Gespräch offenbar vertrauen zu mir gefasst, und so folgt unweigerlich die (ja, wirklich aufrichtige 😉 ) Frage:

„…woher kommt den Ihr Name…?!“

Ich sehe die nächsten Worte mit einer unbändigen Naturgewalt auf mich zurasen – unausweichlich, wie eine Tsunami oder ein Nashorn, dass (m)ein Feuer entdeckt hat. Für den Bruchteil einer Sekunde überlege ich zu lügen…Aber! Ich bin ja ein netter Mensch und meist bestrebt die Unwissenheit aus der Welt zu schaffen. Folglich decke ich mit der Anwort meinen Migrationshintergrund auf. Während ich spreche berührt vor meinem geistigen Auge das Kinn eines mir unbekannten Gesichtes den Boden. Begleitet von dem charmant naivem Satz:

„WAAAAS!!!…Aber Sie haben ja gar keinen Akzent!“

„Ja, da haben Sie recht! Ich spreche erfahrungsgemäß sogar besser Deutsch als so mancher urdeutscher Muttersprachler.“ Und es gibt in diesem Land bestimmt genug gedeutschte Türken, bei denen es genauso ist 😉 . Ich könnte mich jetzt darüber aufregen, aber meine Genungtuung sei, dass ich heute mal wieder, ohne große Anstrengung, das Welbild eines Menschen zerstört habe.

Die Klugen beißen sich an dieser Stelle auf die Zunge. Die  Unbedarften reden weiter wie „unglaublich“ dass sei (wirklich?), „und Deutsch lernen ist ja sooo schwierig“ (nicht wirklich wenn man zweisprachig augewachsen ist),“…aber Sie haben es bestimmt leicht Sprachen zu lernen…“(nicht mehr oder weniger als andere) und überhaupt ist dass „ja nun wirklich sehr ungewöhnlich, dass ein/e Türke/in so gut deutsch spricht…“ – und so einfach wird man in diesem Land zum Ausländer. Der besitzt eines deutschen Personalausweises zählt offenbar nicht, ob man Deutsch ist oder nicht entscheidet nach dieser Definition allein der Vor- und/oder Nachname.

Ich weiß, ich hätte auch einfach einen ähnlich klingenden deutschen oder englischen Namen nennen können. Pech nur für alle anderen da draußen, dass ich zu meiner doppelkulturellen Identität stehe!  Weil ich heute einen guten Tag habe, lasse ich es an dieser Stelle gut sein – hätte ich einen bösen Tag gehabt hätte ich das Telfonat mit „Ja Alde/Alder, dass isch voll krass. Aber jetzt isch muss los und Kippen kaufen – und Ey, wenn Sache bis morgen net erledigt isch komm zu dir mit meine Brüder und mach dir (Drohung der Wahl bitte hier einfügen)…Tamam!“ beendet >:-)

In letzter Anmerkung: Ereignisse dieser Art finden nicht nur am Telefon statt, sondern auch gerne mal in Kaufhäusern, Supermärken, Behörden, wenn jemand nach dem Weg fragt, ect. Dass es Zeugen gibt scheint dabei niemanden zu stören.
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