Der Gipfel des Eisbergs

Heute werde ich politisch, denn geschätzte 10.000 Menschen stehen vor der syrisch-türkischen Grenze in der Nähe von Kilis und werden nicht ins Land gelassen. Das Militär lässt nur Kranke und Verletzte in das sichere Nachbarland. Alle anderen, die  den Großteil ihres Hab und Gutes in Aleppo zurücklassen mussten – welches derzeit vom Assad Regime mit russischer Unterstützung den Erdboden gleich gebombt wird – müssen draußen bleiben.

10.000 sind ein Schätzwert. Tausende Familien ziehen ihre Pfade, von den militärischen Brandherden in Richtung des sicheren Hafens der sich Türkei nennt. Aber ist es überhaupt gerecht hier von einem sicheren Hafen zu sprechen? Wenn man gezwungen wird mit Kind und Kegel vor den Grenzkontrollen auszuharren? Der Winter in dieser Region ist nicht viel freundlicher als der europäische Winter – und dass in Zelten. Ohne ausreichende Hygiene, sanitäre Anlagen und medizinische Versorgung. Mit Assads Truppen im Nacken die jeden Tag näher kommen. Auf der Balkanroute sieht es nicht viel besser aus als hier!

Die Regierung hat behauptet die Menschen aufnehmen zu wollen – aber anstatt den Worten Taten folgen zu lassen, werden sowohl die Flüchtlinge als auch Europa mit diesem Zugeständnis in die Warteschleife versetzt. Es fällt den Verantwortlichen offenbar leicht auszublenden, dass die Flüchtlinge immer noch Menschen sind, deren Rechte hier mit Füßen getreten werden.

Ca. 2,5 Millionen Menschen sind bereits in die Türkei geflohen, von denen mittlerweile über ein Drittel den Weg nach Westeuropa suchen. Im Angesicht solcher Zahlen sollte man meinen das 10.000 nicht mehr wirklich ins Gewicht fallen…aber sie tun es doch – und zwar als politisches Druckmittel der Türkei gegenüber der Welt, in einem perfiden, doppelmoralischen Spiel.

Es geht nicht nur um einen geregelten Zustrom der Vertriebenen.  Es geht um Geld und wirtschaftliche Interessen. Und es geht um Probleme mit denen die Türkei zusätzlich zu Kämpfen hat: Es geht um die Kosten die durch die Versorgung und Integration all dieser Menschen entstehen und bereits entstanden sind. Seit den Abschuss des russischen Fliegers ist das Verhältnis zu einem der wichtigsten Handels- und Tourismus des Landes schwer gestört. Je weiter man in den Osten des Landes geht, desto bürgerkriegsähnlicher werden die Zustände. Hier ist der ehemalige verbündete Namens IS mittlerweile zum Feind geworden. Dank der Unruhen im Land werden dieses Jahr wohl auch die Touristen aus Europa fern bleiben. Der Bürgerkrieg in Syrien droht zu einem internationalen Krieg vor der eigenen Haustür zu werden…und  hinzu kommen all diese Menschen, die eine neue Heimat suchen und dabei der eingesessenen Bevölkerung eine Heidenangst vor Überfremdung eintreiben. In letzterer Hinsicht ist die Türkei keineswegs besser als Deutschland 😉

Mit anderen Worten: Es kündigt sich eine Krise an auf allen Ebenen an, die einen Staat ausmachen. Ja! 10.000 Menschen sind im Angesicht dessen wirklich nur der Gipfel des Eisberges an innen- und außenpolitischen Problemen. Aber die Rechte von 10.000 und mehr Menschen, auf der Suche nach Schutz und Hilfe, einfach zu ignorieren, weil man weder weiß wie man mit den eigenen Problemen fertig werden soll, es sich mit niemandem verscherzen will und auch zu stolz ist sich die eigenen Probleme einzugestehen, ist ein ganz eigenes Verbrechen – und in dieser Hinsicht auch leider nicht das erste!

Internationale Einigkeit und Unterstützung wäre hier angebracht. Aber ein Bürgerkrieg ist nun mal kein Naturkatastrophe epischen Ausmaßes – sonst wären sich die Länder Europas längst einig, wie der Konflikt zu handhaben sei. Dann könnte man auch mit gemeinsam mit der Türkei (und sogar gemeinsam mit Russland) eine Lösung finden. Bei einem Erdbeben der Stärke 8,xxx aufwärts in Hintertupfigstan, werden sofort alle Nothilfsprogramme aus der Schublade gezogen. Wenn über 5 Millionen Menschen gezwungen werden ihre von Krieg zerfressene Heimat zu verlassen, muss man erst mal lang und breit darüber disskutieren, was getan werden könnte…wenn diese Menschen dann „völlig überraschend“ vor der eigenen Haustür stehen, dann werden sie ihrerseits behandelt wie eine unerwartete Naturkatastrophe.

Wiesooft müssen das ganze diejenigen ausbaden, die Unschuldig an der Situation sind. Ich beobachte die ganze Situation zwar hier von meinem sicheren Hafen aus, aber ich fürchte diese Sache wird nicht gut ausgehen…

 

 

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