Integrationsdebatten

Angenommen es ist ein ganz normaler Samstagnachmittag. Das Wetter ist freundlich und Ihr schlendert gerade durch die Einkaufsstraße euerer Stadt. Ihr sei natürlich nicht allein, es sind noch einige andere Menschen darauf gekommen, diesen Tag auf ähnliche Art und Weise nutzen zu wollen. Wie vielen gedeutschten Türken begegnet Ihr wohl geschätzt?

Antwort: In undefinierbarer Anzahl! Gedeutschte Türken verschwinden meist chamälionartig in der Menge. Sie kleiden sich nicht anders, sie bewegen sich nicht anders, sie sprechen nicht anders und benehmen sich auch nicht anders. Sobald aber der Ur-Deutsche bemerkt, das sein Gegenüber einen türkischen Migrationshintergrund hat, wird dieser gleich völlig anders behandelt. Aus dem nichts ist die eigene Abstammung plötzlich ein Gesprächsthema, über dass der Ur-Deutsche meint mit einem diskutieren zu müssen. Man (oder Frau) kann manchen was man will, man ist ab jetzt der Türke!

Eigenartig, wie viele Leute ernsthaft glauben, Integrationsdebatten mit mir (und auch anderen gedeutschten Türken) führen zu müssen…“Integrationsdebatte“ ist im Übrigen das Stichwort: Denn die Tatsache dass es offensichtlich ein Bedürfnis gibt, mit Jemandem, der sein ganzes Leben in Deutschland verbracht haben, derartige Diskussionen zu führen, bedeutet für mich chamälionartigen gedeutschten Türken, dass ich unterm Strich nicht integriert bin!

In Fall des gedeutschten Türken können wir also bestenfalls von einer Assimilation reden, denn die Gesellschaft in die ich mich gerne integrieren will, betrachtet mich als Aussenseiter – egal was ich tue. Ich kann noch so gut Deutsch sprechen, einen guten Job machen, weltoffen sein und einen deutschen Personalausweis mit mir rumtragen, ich bin, im Bewusstsein der Gesellschaft, immer der Türke. Ein etwas „besserer“, denn ich „strenge mich ja an mich anzupassen“, aber mir wird immer der Exotenstatus oder der Makel des Andersseins aufgedrückt.

Warum eigentlich?

Interessant ist auch, was es aus einem macht, wenn man immer wieder mit „Integrationsdeatten“ konfrontiert wird. Man bekommt z.B. das Gefühl in Schule, Uni und Job wesentlich mehr Leistung bringen zu müssen als der Ur-Deutsche Schreibtischnachbar. Man wird immer wieder nach der „Familie im Heimatland“ gefragt – nur zur Info: Meine Familie lebt hier. Beliebt sind auch die Themen: Kopftuch, Schweinefleisch und Alkohol… Ur-Deutsche scheinen ein tiefes, ungestilltes Verlangen nach Antworten zu haben, den der „Ach so Fremde und mysteriösen Türke/in der gar nicht so aussieht wie einer und einen Lebensstil pflegt der so anders ist als die Vorstellung vom Islam und 1001 Nacht“ wirft ja so viele Fragen auf 😉

Beschweren liegt mir fern – nach 50 Jahren haben die meisten von uns ja einen Weg gefunden mit dieser Situation zurechtzukommen. Dennoch wäre es schön wenn, nach über 50 Jahren und in der dritten oder vierten Generation angekommen, wenn die Identität als gedeutschter Türke von der breiten Masse nicht als Ausnahme sondern als Normalzustand betrachtet werden würde. Integration ist in diesem Fall für mich, wenn über meine Herkunft nicht mehr diskutiert werden muss – aber ich fürchte bis dahin wird es noch ein weiter Weg sein.

Darum an alle Ur-Deutsche und Gedeutschte Türken da draußen:  Es ist selbstverständlich, sich an die kulturellen Werte des Landes in dem man lebt anzupassen. Es ist genauso selbstverständlich, seine Wurzeln nicht vergessen zu wollen und darum zu pflegen. Aber es ist nicht selbstverständlich, dass einem ständig Integrationsdebatten aufgedrängt werden – dadurch wird das Gefühl des „Ausgegrenzt seins“ nur gefördert.

 

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